
In der Reihe Junge Kunst zeigt die Münchner Künstlerin Katharina Gaenssler neue Arbeiten, die für das Freisinger Diözesanmuseum entstanden sind – Die Ausstellung „Geschichtet“ von Katharina Gaenssler.
Katharina Gaenssler, die 2009 mit dem Bayerischen Förderpreis Bildende Kunst ausgezeichnet wurde, lotet die neuen Möglichkeiten der digitalen Photographie aus. An zwei geschichtsträchtigen Räumen hat sie Tausende (7.748 Einzelfotografien) von kleinen Photos gemacht, die sie zu großen, beeindruckenden, leicht verfremdeten Panoramen zusammensetzt, in der romanischen Krypta des altehrwürdigen Freisinger Domes und im Depot des Diözesanmuseums, wo zufällig zusammengewürfelt heimatlos gewordene Skulpturen nebeneinander stehen.
Katharina Gaenssler hat sich dabei von zwei besonders geschichtsträchtigen Plätzen auf dem Freisinger Domberg angesprochen gefühlt. Die romanische Krypta des Freisinger Domes aus dem 12. Jahrhundert mit dem Schrein des Gründerbischofs St. Korbinian und das Skulpturendepot des Diözesanmuseums.
Wie ein „memento mori“ wirken die hier aus den unterschiedlichsten Gründen abgestellten Heiligenfiguren. Manche von ihnen sind zu kaputt, andere von zu geringer Qualität, um ausgestellt zu werden. Wieder andere haben einfach keinen sinnvollen Platz mehr in den Räumen des Museums gefunden. Sie werden für Ausstellungen oder Fortbildungen ans Licht geholt. Jede dieser Figuren könnte eine bewegte Geschichte erzählen, von den Menschen, denen sie bei Andacht und Gebet eine Hilfe waren, von Umbauten, Stiländerungen und der „ecclessia semper reformanda“ und schließlich der Entfernung aus der Kirche.
Im Museum haben sie eine Ersatzheimat gefunden, auch wenn sie nur noch Stückwerk sind, werden konservatorisch betreut und erhalten. Katharina Gaenssler holte sie durch ihre Photo-Collage aus dem Verborgenen, ermöglicht dem Besucher einen Blick hinter die Kulissen. Allein 16.475 Einzelfotografien entstanden für die Erfassung dreier Regalbahnen im Skulpturendepot. Hiervon sind durch Auswahl und Beschränkung des Gesamtbildausschnitts 7.748 übrig geblieben, die nun auf der 30 Meter langen und 3,60 Meter hohen Wandabwicklung des Speisesaals des ehemaligen Knabenseminars aufgebracht sind. Doch ihr eigentlicher Be¬deutungsgehalt reicht weiter über die materielle Dimension von altem Baukörper und kostbarem Heiligenschrein hinaus und erschließt einen nicht fassbaren, „geistigen“ Raum.
Die ältere deutsche Sprache kennt das Wort „Geschichte“ auch in der Neutrumform als „das Geschichte“, also die zählbaren „Geschehnisse“ sind untrennbarer Teil dieses Ortes geworden. Wie die Jahresringe eines Baumes sind sie Ausdruck stetigen Wachstums, das sich über das Jetzt in die Zukunft fortsetzt. Diese immaterielle „Schichtung“ ist ungleich substantieller als jedes haptisch greifbare Fassungspaket – wie die Summe von Farbanstrichen – an der Raumschale.
Sie öffnet die Krypta in einen weiten Kosmos menschlicher Gegenwart. Katharina Gaenssler veranschaulicht subtil das subjektive Moment von „Geschichte“, das jeder Be¬trachtung von Geschichte zwangsweise innewohnt. Sie erinnert in ihren für das Diözesan¬museum entstandenen Arbeiten eindrücklich daran, dass es in der Kunst wie im Leben selten den „einen“, wahren Betrachterstandpunkt gibt, sondern dass erst aus der Vielzahl der Perspektiven der Blick auf das Ganze gelingen kann.
Die Masse der Bilder ist dabei nicht Selbstzweck, sondern – wie Gaenssler es nennt – eine „Waffe gegen die Bilderflut“, ein sehr humanes Mittel zur Beherrschung des Unendlichen. Geschichte – geistig wie materiell – bleibt in seinen Geschichten im Jetzt erlebbar und begreifbar.
Gefördert vom Verein Ausstellungshaus für christliche Kunst e.V.
Ausstellung: 15. Juni bis 29. August 2010
Öffnungszeiten: Di-So 10.00 – 17.00 Uhr
Quelle: Diözesanmuseum, Domberg 21, 85354 Freising
Information: Tel. 08161-48790
Presserundgang: Freitag, 11. Juni, 11 Uhr mit Frau Dr. Sylvia Hahn, Direktorin, Dr. Alexander Heisig, Kurator und Katharina Gaenssler.
Eröffnung der Ausstellung: Sonntag, 13. Juni, 19.00 Uhr Begrüßung – Dr. Sylvia Hahn, Direktorin Grußwort – Msgr. Klaus Peter Franzl, Finanzdirektor der Erzdiözese Einführung – Dr. Alexander Heisig, Kurator Eröffnung – Dr. Wolfgang Heubisch, Bayerischer Staatsminister für Wissenschaft, Forschung und Kunst
Weiterführende Informationen unter: http://www.dombergmuseum-freising.de/m02.htm
Kommentare
Geschichtet
Die Ausstellung auf dem Freisinger Domberg ist sehr sehenswert! Sie besticht durch die außergewöhnliche Zusammensetzung im doppelten Sinn: zum Einen die beeindruckende Zusammensetzung der Einzelfotos, zum Anderen die Zusammensetzung und Überlagerung der kirchlichen Motive zu einem zeitgenössischen Gesamtwerk.
Grüße Luna