
artnori – Eröffnungsrede der Ausstellung für zeitgenössische Fotokunst in Lichtenfels von Lars Herrmann (Kunsthistoriker und Künstler)
Fotografie von Wolfgang Steffen: Fotokünstler Herbert Liede, Galeristin Rita Feldmann, Besucherin Stephanie Schuster, Kunsthistoriker Lars Herrmann und Fotokünstler Günter Derleth (Camera obscura).
"Herzlich möchte ich Sie, liebe Künstler und Organisatoren, Sponsoren und Gäste hier in Lichtenfels zur ersten zeitgenössischen Fotokunstausstellung im Stadtschloss begrüßen. Allen oben genannten möchte ich natürlich – wie es sich gehört - meinen ganz besonderen Dank aussprechen. Hervorheben muss ich die Hauptorganisatoren: die Galerie artnori aus Fürth mit Rita und Werner Feldmann, sowie den Landrat Herrn Leutner und Bürgermeisterin Frau Dr. Fischer.
Den langweiligen jedoch unverzichtbaren Teil der Rede, nämlich die Danksagung haben wir nun hinter uns; der noch langweiligere Teil, die Rede selbst wird nun folgen. Aber ich kann eine gute Nachricht voranstellen: mein Vortrag wird kurz werden. Zum mittlerweile kanonischen Ritual der Vernissage gehört die rituelle Handlung der Eröffnungsrede. Wie Sie sicher bemerkt haben, ist diese undankbare Aufgabe am heutigen Abend mir zugefallen. Undankbar deshalb, weil zur kunsthistorischen Ausbildung das Fach Fotokunst nicht zwingend dazugehört - um genauer zu sein, es kommt dort überhaupt nicht vor. Somit blieb mir nichts anderes übrig, als mich dem geheimnisvollen Phänomen der Fotografie über das klassische Verdikt: Fotografie ist keine Kunst! zu nähern.
Aber mir fiel daraufhin sofort siedendheiß ein: Ist Malerei immer Kunst? War Malerei immer Kunst?
Ein kleiner Exkurs in die Geschichte kann meine Bedenken veranschaulichen. Im 19. Jahrhundert war der Impressionismus keine Kunst, ja er wurde nicht einmal als Malerei wahrgenommen. Genaugenommen war das Wort Impressionismus ein Schimpfwort der Kunstkritik!
Später erging es dem Expressionismus und damit unter anderem den Brückekünstlern, die zu einem großen Teil abgebrochene Architekturstudenten waren, nicht besser. Man kann sich sogar zu der nicht gerade kühnen Bemerkung veranlasst sehen: Während des gesamten 20. Jahrhunderts war jede neue Kunstrichtung oder jeder Ismus (Dadaismus, Surrealismus, Kubismus, Suprematismus, Konzept Kunst, Konkrete Kunst, Abstrakter Expressionismus, Pop Art u.s.w. u.s.f.) mal keine Kunst (meist wenn sie neu war, dann stand sie in den Ateliers) und mal Kunst (wenn sie hip war, dann hing sie in den Galerien) und wieder keine richtige Kunst (wenn sie out war, dann hing sie wenigstens bereits in den Museen). Übrigens: diesem Phänomen verdankt die Moderne Kunst einen großen Teil ihres Mythos als ewig voranschreitende Avantgarde.
Sie sehen: dieser Ansatz brachte mich nicht weiter. Also wagte ich einen neuen Versuch: manche Kunsthistoriker meinen, ein Bildwerk ist dann keine Kunst, wenn es nur eine Wahrnehmung abbildet, das – so meint man – trifft auf die Fotografie zu. Aber sofort meldete sich wieder mein innerer Bedenkenträger, kann dann die viel berühmte, opulente und sinnenfrohe Stillebenmalerei der Niederländer des 17. Jahrhunderts Kunst sein?
Das Gegenteil möchte ich jedoch auch nicht unbedingt behaupten! Und nebenbei, diese Gemälde entstanden mit optischen Hilfsmitteln, die unserer heutigen Fotografie sehr ähnlich waren. Und wieder sehen Sie, dass ich mir einen weiteren Holzweg eröffnet hatte. Ich musste einen neuen Weg finden.
Damit musste ich mir so unangenehme Fragen stellen wie: Woher stammt die Aussage Fotokunst sei keine Kunst? und in diesem Zusammenhang drängte sich ganz natürlich die Kardinalfrage auf: Was ist Kunst überhaupt? Kommen wir zur ersten Frage. Hier habe ich Ihnen einige seltsame aber dennoch geläufige Vorurteile aus Tausenden ausgesucht, Sie können selbst beurteilen welchen Vorurteilen Sie bereits auf den Leim gegangen sind.
1) Das Handwerk: Die handwerklichen Anforderungen an die Fotografie scheinen sehr gering zu sein, schließlich kann sich jeder so einen Kasten bzw. Kästchen um den Hals hängen, abdrücken und ein Foto am PC anschauen oder sich gar ein papiernes Bild entwickeln lassen bzw. am eigenen PC ausdrucken. Das hat so gar nichts mit altehrwürdiger Malerei, mit Skizzen und Entwürfen und dem Geruch von Malmitteln zu tun. Die Fotografie scheint irgendwie profan zu sein. Dieser erste Punkt hängt unmittelbar mit dem zweiten Punkt zusammen, unserem gewohnten und verinnerlichten
2) Künstlerbild: Hier wirken unterschiedliche Mythen des 19. Jahrhunderts fort. Nach denen muss der Künstler ein genialer Heros sein, der in titanischem Streben in seinem Atelier um DIE KUNST um SEIN BILD ringt. Er sollte des weiteren am besten recht früh und arm sterben, das erhöht seinen Ruhm und bringt den Nachkommen größte Renditen ein. Dann gibt es noch die
3) Kunstakademien: Auch hier hat das 19. Jahrhundert seine Finger im Spiel. Die Akademien akzeptierten in ihren heiligen Hallen die Druckgraphik und die Fotografie nur als der Buchkunst dienende Hilfswissenschaften. Diese Herabstufung wirkt bis heute, was auch an den Preisen für Fotografien und Zeichnungen erkennbar ist (obwohl die Kunstschulen heute die Fotografie als der Malerei gleichrangig ansehen.) Ein weiteres Minenfeld für die Fotokunst, ist die Wahl der
4) Themen: Werbung, Porträts für jedermann, Reportage- oder Alltagsfotographie schien und scheint vielen Künstlern, Kritikern aber auch Lehrenden irgendwie einfach zu sein.
An dieser Stelle muss ich die Aufzählung abbrechen, aber ich könnte noch viele solcher Vorurteile benennen. Allerdings musste ich hier einen seltsamen Widerspruch zu oben genannten Negativkomplex bemerken: die Künstler aller Zeiten bedienten sich neuer technischer Errungenschaften ohne Scheu, so sind optische Hilfsmittel bereits seit 1430 nachweisbar. Das waren insbesondere die Camera obscura mit und ohne Spiegel sowie die Camera lucida (der Maler David Hockney hat dies in einem erstaunlichen Buch herausgearbeitet).
Die Fotorealisten nutzten den Fotoapparat. Auch ihre Kunst war Unkunst, bis man bemerkte, dass sie nicht einfach von Fotografien abmalten sondern mehrere Fotografien kombinierten. Mehrere zeitgenössische Künstler komponieren ihre Bilder am Computer um die Ausdrucke dann abzumalen. Auch hier merken Sie, wie unterschiedlich dieses Thema von theoretischer und praktischer Seite behandelt wird.
Nun zur Frage: Was ist Kunst überhaupt? Dazu zwei sehr prägnante Zitate.
„Kunst ist, wenn man unter dem Beifall des Publikums in eine Schublade scheißt.“ (Bertold Brecht).
„Wenn ich es wüsste, würde ich es Ihnen nicht sagen.“ (Pablo Picasso)
Zunächst muss ich Sie – ebenso wie Picasso – enttäuschen, auch ich kann Ihnen keinen alchemistischen Stein der Weisen an die Hand geben, nach dem Sie immer erkennen was Kunst ist und wo die Nichtkunst anfängt. Aber ich kann Ihnen sieben Punkte nennen, an denen Sie Ihr Beobachtungsgabe und Ihr Urteilsvermögen an und über Kunst in der Praxis entwickeln oder vervollkommnen können.
Die vier Elemente eines gelungenen Kunstwerkes sind das Auge, das Herz, der Kopf und der Unterleib.
Das Auge als das sensuelle oder sinnliche Element ist zunächst die reine Wahrnehmung weitgehend noch ohne Inhalt. In der Malerei total angewandt folgt daraus der wissenschaftliche Impressionismus des 19. Jahrhunderts.
Das Herz ist das gefühlshafte Element. Es bedeutet die Aufladung der Darstellung mit Emotionen. In seiner Reinheit ergibt dieses Element den Kitsch, die Hausfrauenkunst oder die wahllose Knipserei.
Der Kopf, also das geistige Element ist zugleich das komplexeste Element. Das Dargestellte wird mit nicht unmittelbar sinnlich erfahrbaren formalen oder inhaltlichen Aspekten versehen. Absolut gesetzt ergibt dies den Suprematismus (die Quadrate Malewitsch`s).
Das Salz in der Suppe der Bildenden Kunst ist das phantastische Element - die Triebe, sie werden allgemein im Unterleib lokalisiert.Ergebnis ist die Traum-Malerei oder die Kunst der Wahnsinnigen.
Diese vier Elemente sollten zunächst durch den Künstler in ein gutes Verhältnis amalgamiert werden, dann mittels Handwerk (5) über den Inhalt (6) zu einer Form (7) verdichtet werden. So einfach kann Kunst sein!
Liebe Anwesende, Sie merken, dass in dieser Definition kein Hinweis auf das Medium, in welchem ein Bildwerk erstellt wurde, vorkommt. Das heißt, ob ein Bild mit Bleistift, Tusche oder Tempera oder Ölfarbe oder per Fotoapparat hergestellt wurde, ist vollkommen gleichgültig: es kann in jedem Falle Kunst sein!
Nach so vielen belehrenden Worten möchte ich nun zum Schluss kommen. Vielleicht ist jetzt der Augenblick gekommen, endlich auf die hier gezeigte Ausstellung kurz einzugehen. Wenn Sie im Anschluss, falls Sie nach meiner Rede noch die Kraft haben, die Ausstellung anschauen, dann werden Sie bemerken, dass die gezeigten Exponate nichts mit der beliebigen Knipserei der Familienalben zu tun haben.

Zum Glück! Und sicher werden Sie obendrein noch bemerken, dass die Ausstellung von unten nach oben und im Uhrzeigersinn die Entwicklung der fotographischen Techniken veranschaulicht. Diese beginnt mit der Camera obscura bis zur heutigen digitalen und virtuellen Bildfindung, also von Leonardo da Vinci bis Bill Gates. Ich wünsche Ihnen jetzt viel Freude mit dem Fortgang der Vernissage und beim Betrachten der Exponate! Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit".
Lars Herrmann im September 2008
 
Die Jazzgruppe „Arvid´s Jazz Company“ mit ihrer Sängerin begleitete die Fotokunstausstellung "Vom Abbild zum Sinnbild".
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