Bevor die Kritik in der Kunst kritisch hinterfragt werden kann, sollte uns klar sein, dass Kunst ein Kommunikationssystem ist. Das heißt: Kunst ist nichts anderes als die Art und Weise, wie mit der Kunst kommuniziert wird. Erst in der Kommunikation wird Kunst zur Kunst.
Wenn Begriffe, wie „Beobachter, „Betrachter“, „Künstler“, „Kunstwerk“, verwendet werden, können deshalb nur abstrakte Kondensate gemeint werden. Sie haben allerdings auch eine Funktion. Sie bündeln Erwartungen!
Das gleiche betrifft den Begriff „Kunstkritiker“.
Er ist ein Kommunikator besonderer Art zwischen Kunst und Betrachter. Ohne ihn wird Kunst nicht existent, das ist die Absicht der Kritik.
Welche Erwartungen haben wir an ihn? Was muss er leisten können?
Für ihn gilt es, die vergleichbaren Sachverhalte extrem verschiedener Funktionen und Handlungsweisen der verschiedenen Gruppen hinter den Begriffen „Betrachter“, „Kunstwerk“, „Künstler“ herauszufinden. Sicherlich zunächst einmal möglichst wertfrei, aber multidisziplinär: Psychologie, Soziologie, Ästhetik, Geschichte, Politik, Kunstgeschichte, Wirtschaftswissenschaften, Ethnologie und Humanwissenschaften sind die Basics seiner Wahrnehmung. Wahrnehmung hat aber noch kein Bewusstsein der Zusammenhänge: „Der Bauch spricht“, allerdings nur leise!
Das Bewusstsein kann dies nicht, es wertet, urteilt und irrt sich oft genug. Solche bewusste Kommunikation kann nicht wahrnehmen und nicht für wahr genommen werden.
• Die Kunst ermöglicht Integration von Kopf und Bauch, sie kann Wahrnehmung und bewusste Äußerung integrieren, ohne zu verschmelzen oder zur Konfusionen bei den Handlungen zu führen.
Kunst ermöglicht die Gleichzeitigkeit von Wahrnehmung und Kommunikation und ist das reale Korrektiv für beide. Sie erzeugt ein geschlossenes System der Reproduktion und der Peproduktionsbedingungen!
• Ein Kunstwerk arbeitet ja zunächst mit seiner Grundlosigkeit, unterwirft sich keinen Regeln und wird schon gar nicht durch reinen Willensakt hergestellt. Kunstwerke, die für besprechbar und kritisierbar gehalten werden, sind angesichts dieser Grundlosigkeit geradezu spöttisch kompliziert. Zu dieser Komplexität der Kunst sagt Niklas Luhmann in „Kunst der Gesellschaft“: Sie ist ein „Medium der Kommunikation, als sie nicht festlegt, wie Künstler und Betrachter durch das Kunstwerk gekoppelt werden, aber andererseits aber doch garantiert, dass es dabei nicht beliebig zugeht“.
• Der Kritiker gibt dann letztlich nur zu erkennen, dass er ahnt oder weiß, wo Lücken in der Kunst, beim Kunstwerk oder beim Betrachter zu finden sind.
Jeder ist zwar irgendwie Kunstkritiker, aber nicht jeder hat dazu die Basis für die Wahrnehmung von Kunst. Bewusste Äußerungen zur Kunst - Schönreden ebenso wie Schlechtreden - werden zum Glück nicht für wahr genommen.
Kritikkünstler versus Kunstkritiker!
Es bleibt demnach genug zu tun, zu suchen und zu finden woran es fehlt in der Kunst, in den Kunstdarbietungen und in der Kunstkritik.
Vielleicht mangelt es ja an Kritikkünstlern?
Kommentare
Kritik in der Kunst
Das sind doch ganz gewaltige Thesen, die da vorgetragen werden. Erst stolpert man natürlich über den Zirkelschluß - petitio prinzipii - daß Kunst nichts anderes sei als die Art, wie mit der Kunst kommuniziert wird. Der kommunikationstheoretische Ansatz zum Kunstverständnis zielt so auf ein transpersonales oder transidividuelles Allgmeines, was nichts anderes heißt, als daß die Kommunizierbarkeit Konstituens ist für Kunst, d.h. , daß Kunst überhaupt sich am Kriterium der Allgemeinverständlichkeit- oder verstehbarkeit messen lassen muß: Was nicht verstanden ist keine Kunst - salopp gesagt. Goethes Mignon: Heiß mich nicht Reden, heiß mich Schweigen, na ja, lang ist's her.
Den Kritiker als Kommunikator eines Kunstverständnsses zu fordern, auch da könnte man sich etwas anderes wünschen: Appelliert Kunst doch,wenn sie denn solche sein will, an die Autonomie des Betrachters, wie das Kunstwerk selbst ja von sich aus insistiert darauf, einzig autonomes Faktum in einer Welt durchgängiger Heteronomie zu sein.
Wenn Kunst nicht existierte ohne den den Kunstkritiker, dann wäre es um die Kunst schlecht bestellt: Freilich: Kunstkritiker ohne Kunst das geht wahrhaftig nicht.
Es wäre noch manches mehr zu sagen, aber für heute will ich's nicht übertreiben.
Bis demnächst, mit den besten Grüßen
Falk Bayerl
Rezipient = Kunstkritiker, Profikritiker = Kritikkünstler
Kunst ohne Rezipient, d.h. ohne einen Betrachter, der zu einem Urteil für ein Werk gelangt, bleibt reiner Selbstzweck des Künstler. Der Künstler kann natürlich einen inneren Dialog mit seinen persönlichen Anteilen (Kritiker, Kreativer, Handwerker etc.) führen, und das macht ein Künstler im Entstehungprozess des Werkes ja auch, aber letztendlich bleibt das Werk mit seiner Aussage in einem geschlossenen System gefangen.
Andererseits wäre das eine tolle Konzeptionsidee: "Ich mache Kunst, zeig' sie aber keinem." Selbst dann würde man darüber reden, und es wäre schon wieder Kunst, auch ohne betrachtbares Werk.
Und das Kunstwerk selbst: Es spricht für sich, zu sich und wieder für sich - Punktdrehung im eigenen Saft.
Sobald der erste Andere dieses Werk sieht, ist ein kritischer Betrachter gefunden. Das Werk wird zum Kunstwerk und berührt andere Wahrnehmungsebenen, bildet Projektionsflächen für die Wahrnehmung des Rezipienten und beginnt einen Dialog. Jede weitere nach außen getragene Kritik erweitert den Wirkungsgrad dieses Werkes.
Wohl dem Künstler, der einen Kritikkünstler als Betrachter seines Werkes in der Nähe hat, der im günstigsten Fall auch noch als Multiplikator seines konstruktiven Urteils weiteren potenziellen Rezipienten Betrachtungshilfen geben und Wahrnehmungsprojektionsfläche bieten kann.
Grüße
chrimafee
Charakterisierung von Kunstkritiken
Ohne lange Umschweife folgen hier die Hauptcharaktere der deutschen Kunstkritik:
1. Die kunsthistorische Kritik
In den meisten Fällen sind die historischen, wissenschaftlichen Kritiken der modernen Kunst in undurchschaubaren Satzkombinationen formuliert. Die Kunstkritiken lesen sich oftmals wie Geheimdokumente einer komplexen Verschlüsselungsstrategie im Terminus der Kunstglaubensritter. Es scheint: Je komplizierter der Satzbau, desto gewichtiger die Kunst.
Oder die Kritiker fürchten sich wohl vor einer Bloßstellung ihrer kleingeistigen Denk-Äußerungen, wenn die Kunstbeurteilungen nicht einem elitären Berufsstand entsprechen.
2. Die verwässerte Kritik
Eine neutrale Kritik – Philosophie „Wasch mich, aber mach mich nicht nass!“ finden meistens von Journalisten in irgendeiner Provinzzeitung statt. Diese sind ausgebildet in Germanistik und häufig (vielleicht aus Existenzgründen?) mit abgebrochenem Kunstlehrerstudium. Sie bekleiden Ehrenämter der Kunsteinrichtungen und bestimmen die kulturelle Ausrichtung einer Gesellschaft. Oft mangelt es jedoch an künstlerischem Einfühlungsvermögen, politischer Kulturkompetenz sowie an einer aussagekräftigen kritischen Kunstbeschreibung. Oder gar am Wahrnehmen?
3. Die brotlose Kritik
Also bleibt nur noch die Rolle der Entdeckung und Förderung guter Gegenwartskunst übrig. Die Kritiker der modernen Kunst müssten mit einem untrüglichen Instinkt für das Neue, Genialische und Provokative ausgestattet sein. Diese Kritiker schwimmen meistens gegen den allgemeinen Trend des Kunstmarktes, das heißt: erhebliches Risiko für die Kritiker, also wie bei den meisten Kunstschaffenden – brotlose Kunst!
Zwischen den folgenden drei Kritikverfahren, 1. der kunsthistorischen Ableitung, in Erfahrung mit der Wissenschaft begründeten Kritik und einer ausgewogenen, 2. der verklausulierter Zurückhaltung, den Zeitungskritiken aus der Provinz mit ihren verwässerten, wertneutralen Kommentaren und 3. dem scharfzüngigen Aburteilen von anfälligen und gemütsbewegten künstlerischen Positionen, bewegen sich die Kritiker.
Aber sie könnten auch anders, wenn sie's denn wollten, lernten, ............:
Kunstkritiker von heute, sollten die Rolle der Befürworter junger Kunstschaffenden mit deren neuen Kunstrichtungen einnehmen und das Risiko der Kritik nicht scheuen, auch gegen allgemeine Modeströmungen des Kunstmarktes und trotz aller denkbaren Unwägbarkeiten.
Sie sollten ihrer Wahrnehmung folgen, denn die Zukunft gehört den jetzt jungen. Wo ist also der junge Kritiker mit Charakter (Wobei das Alter keine Rolle spielt!)?
Die Königsmacher der TOP 10 – Kunstliste sind keine Kritiker, sondern Großsammler und Mäzene. Dort werden weder Kritiker noch Historiker benötigt – das macht der Kunst-Geldmarkt unter sich ganz alleine aus.
Hier läuft die Kunst-Kommunikation andere Wege.
Die Auferstehung der Kritik? - Kritik an der Kunstkritik
Was zeigt uns die Fachwelt?
Eine Flut von Kunstberichten überhäuft uns, neue Zeitungslektüren werden gegründet und im Internet gibt es eine Vielzahl von Kunstforen. Aber eine konstruktive Auseinandersetzung mit der Kunst und deren kulturellen Einrichtungen ist kaum zu erkennen.
Eine nutzbringende und zielführende Kritik gehört scheinbar nicht zum guten Ton.
In den meisten Fällen produzieren die Internet - Kunstportale eintönige Wasserstandsmeldungen, mit Ausstellungsterminen und flauen Verlautbarungen, die weitestgehend schon im Kulturteilen der Tageszeitungen abgehandelt werden. Ewig lange Künstlerlisten mit Bildergalerien, deren nicht ausreichende Gliederung der Kunstarten, den Kunstbesucher im Internet verwirren.
Was sollte Kritik in der Kunst sein?
Kritik bedeutet vor allem nach der Kunst zu fragen, sich mit den Begriffen und den Kunstwerken auseinander setzen und sich mit den Missständen der verfilzten Kulturstrukturen zu beschäftigen.
Dabei läuft man natürlich Gefahr, dass man sich dem Risiko aussetzt, sich unbeliebt zu machen. Allerdings nicht der, dessen Wahrnehmung mit einem soliden Basisempfinden von Zusammenhängen verknüpft ist.
Treffpunkt – kunstgalerie ist auf dem besten Weg, in der Kunst über das Medium Internet etwas Außergewöhnliches zu gestalten – die Kritik an der Kunstkritik.
Möglicherweise eine Auferstehung sachbezogener Kritik in der Kunst – und Kulturszene? Es wäre wirklich eine erfrischende Ergänzung in der großen weiten Welt in der Online -Kunst und darüber hinaus.