
Ein Bericht von P. Jacintus. Sammlung "Rheingold" erhält Heimat in Schloss Dyck. Die Gegenwartskunst bekommt in Nordrhein-Westfalen eine weitere Heimat. Wie der Düsseldorfer Kunsthändler Helge Achenbach mitteilte, soll die umfangreiche Privatsammlung "Rheingold" künftig im Barock-Wasserschloss Dyck im Kreis Neuss gezeigt werden.
Zunächst werden 90 der insgesamt rund 900 Kunstwerke in einer Ausstellung unter dem Titel "Paradies und zurück" zu sehen sein, darunter Bilder von Georg Baselitz, Jonathan Meese oder Daniel Richter(1). Baselitz, Meese, Richter diese kleine Liste kann durchaus um Havekost, Penck, Lüpertz oder auch Immendorf erweitert werden – wer will das wirklich noch sehen?
Es ist zu vermuten, dass hinter den immer gleichen Künstlern, die in den großen Museen, Galerien, Privatsammlungen und Ausstellungen gezeigt und hofiert werden, zwei grundlegende Aspekte stehen.
Diese sind:
Erstens ein merkantiler und zweitens ein geistiger Aspekt. Der marktwirtschaftliche Aspekt kann folgendermaßen beschrieben werden: wenn alle oder sehr viele private Sammler und Sammlungen die immer gleichen Künstler ankaufen, dann ist der nachfragende Markt irgendwann weitgehend abgedeckt. Es herrscht ein relatives Überangebot eben an diesen Künstlern in den Kollektionen. Das wiederum bedeutet in der Marktwirtschaft immer ein Sinken der Preise. Das wiederum kann natürlich von den privaten Sammlern nicht hingenommen werden – und so hilft nur die Nobilitierung der Sammlung mittels des Ritterschlages durch öffentliche Museen(2).
Und wie von Zauberhand steigen die Preise wieder oder weiter in ungeahnte Höhen. Nun kann man das den privaten Sammlern nicht vorwerfen. Auch die fetischartige Fixierung auf wenige, immer gleiche Künstler kann man den Privaten nicht zum Vorwurf machen – sie können mit ihrem Geld machen was sie wollen.
Aber, dass die öffentlichen Einrichtungen sich diesem Trend beugen und anschließen, bedarf einer Klärung. Die Willfährigkeit mit der die öffentlichen Museen in das sprichwörtliche Horn stoßen wie die Privaten ist schon erstaunlich. Auch hier gibt es zunächst einen finanziellen Aspekt: durch die besessene Sparwut der Politik fehlt es den Museen häufig an Etats um Kunst anzukaufen und damit begeben sie sich zwangsläufig und offensichtlich gern in die Hand von privaten, geldmächtigen Kollektoren.
Und: Wer umgibt sich nicht gern mit wohlhabenden Freunden und Gönnern?
Der zweite und tiefere Aspekt ist jedoch ein Geistiger. Seit geraumer Zeit, in Deutschland massiv zumindest seit 1945 wird die Kunstgeschichte als ein eindimensionaler, folgerichtiger und unumkehrbarer Prozess hin zur Moderne und Postmoderne betrachtet. Quasi eine stetige Abfolge sich ablösender Avantgarden und ihrer „Ismen“.
Ein flüchtiger Blick in die einschlägigen Museen und Kunsthäuser belegt diesen Befund auch optisch. Welch Öde und gähnende Langeweile macht sich breit! Die stets gleiche Anordnung der gleichen Künstler mit immerhin unterschiedlichen Werken wird uns präsentiert. An eben diesem ausgestellten Geschichtsbild war bereits wesentlich die private Sammlertätigkeit und eine ebenso auf das „Neue“, skandalöse Moment gerichtete Kunstkritik des frühen 20. Jahrhunderts maßgeblich beteiligt. Diese unheilige Allianz aus Kritik, privatem sowie öffentlichem Sammlertum, Galerie und Kunstgeschichte – heute zum mächtigen Klüngel ausgewachsen – besteht fort.
Wie einfach und genau vermessen sieht heute doch der oftmals chaotische und wuchernde Garten der Kunst und Kunstgeschichte aus! Dabei könnten bereits innerhalb der kanonischen Moderne interessante Sichtweisen ganz neuartige Ausstellungen hervorrufen. Zum Beispiel: Was hat die äußere Gestalt des Künstlers für eine Auswirkung auf sein Werk?
Aber solche Fragen werden kaum gestellt. Es könnte das Chaos und das Leben in den wohlbestellten Garten der Kunstgeschichte hinein wachsen! Und mit dem Wuchs von Leben könnte auch die Einsicht gedeihen, dass sich Kunsthistoriker und Kunstkritik über die Beurteilung von Kunst gewaltig irren können.
Eine dieser Irrtümer war bekanntlich jener über Caspar David Friedrich... Was ist an Hand des vorgestellten Befundes von den öffentlichen Sammlungen, Museen und ihren Kuratoren zu verlangen:
1) Abkehr vom eingefahrenen Klüngel und eine Öffnung sowie Befreiung des öffentlichen deutschen Kunstmarktes; Vielfalt statt Einfalt
2) Gesamtheit der nationalen künstlerischen Produktion muss zur Kenntnis genommen werden, das muss Einfluss auf die Ankaufspolitik öffentlicher Einrichtungen haben (auch im Kanzleramt und im Bundestag hängen die immer gleichen Künstler!), das ist besonders für wenig bekannte Künstler wichtig, da diese oftmals am Existenzminimum existieren müssen, hier muss der Staat Verantwortung für die Künstler als der kreativen Elite des Landes übernehmen;
3) kunsthistorische und qualitative Aspekte außerhalb des Zeitgeistes müssen beachtet werden, dies ist ein Gebot der wissenschaftlichen Redlichkeit;
4) kritische und unbedingte Reflektion und Diskussion der jeweils eigenen Standpunkte der Akteure des Kunstmarktes;
5) die Punkte 3) und 4) müssen zu einer Öffnung und Ausstellung der Depots der Museen und öffentlichen Sammlungen führen.
Quelle: (1) http://www.dradio.de/kulturnachrichten/ ; siehe dazu auch:
http://www.treffpunkt-kunstgalerie.de/museum-fuer-zeitgenoessische-kunst-alle-generationen-anspricht
http://www.achenbach-art-consulting.com/aac2/presse_details.php?PID=19&table=presse (2) dies wird schon von Judith Scholter in ihrem Onlineartikel vermutet, vgl.
http://www.art-magazin.de/kunst/6478/sammlung_rheingold_schloss_dyck (
1) Die Keime der Avantgarden waren bereits alle in der Kunst am Ende des Ersten Weltkrieges gelegt: Expressionismus, Kubismus, Abstraktion, Surrealismus.
„Woran erinnert dich dieser Fisch?“
“An andere Fische.“
“Woran erinnern dich die anderen Fische?“
“An andere Fische.“
Joseph Heller
Kommentare
Fatale Museumskultur
Ein treffender Bericht von P. Jacintus zu der heutigen Museumslandschaft in Deutschland. Man kann es wirklich nicht mehr sehen, überall das gleiche Museen-Prozedere: Da ein Baselitz auf dem Kopf, da ein Richter in Grün, da ein bisschen Pop-Art und ein Holzkopf von Balkenhol.
Das Neue Museum in Nürnberg wird davon nicht ausgenommen – Leere, und wie treffend beschrieben Öde, aber dafür wird eine Pinselausstellung präsentiert. – Genial.
Nach der Überzeugung der Wissenschaft sollen Museen Zeugnisse aus der Geschichte der Menschheit bewahren und zeigen: zum Ablauf unserer historischen, technischen, soziokulturellen, unserer physischen, psychischen und philosophischen, auch unserer künstlerischen Entwicklung.(1)
Die Museumsleitungen in Deutschland müssten eigentlich die Qualität der Kunstwerke von einflussreichen Sammlern eingehend prüfen und beurteilen. Ihre Aufgabe ist es die Kunstwerke kritisch zu diskutieren und ihr Urteil in eine positive oder negative Richtung abgeben. Das werden sich wohl die einflussreichen Sammler (Sponsoren) verbeten.
Welches Museum kann schon auf Sponsergelder verzichten - neue Kunstwerke anzukaufen ist fast ausgeschlossen. Es ist kaum noch das Geld da, um die Personalkosten zu decken, die großen Fensterscheiben putzen zu lassen und die Klimatisierungs- und Heizungskosten zu tragen.
Der Museumleitungen unterliegen somit der Kunstmanipulation und sie werden abgestempelt zu Bittsteller von einflussreichen Sponsoren und Sammlern.
Welche Kunst verbirgt sich in den Depots der Museen?
Wie schon beschrieben muss eine Öffnung und Ausstellung der Depots der Museen und öffentlichen Sammlungen führen.Durch ansprechende Präsentationen ist nach unserer Auffassung genügend Publikum anzulocken. Die Museen müssen den Besuchern eine klare Struktur, Querverbindungen und auch die Möglichkeit zu eigenem Tun bieten und dem Zeitgeschmack mit junger Kunst von Künstlerinnen und Künstlern Rechnung tragen.
Quelle: (1) http://de.wikipedia.org/wiki/Museum