„Symmetrien in Natur, Kunst und Mathematik"

Bild von artnori

o.T. (Schachtelhalm), © Fotografie von Stephan Winkler Mit der Münchner Künstlerin Lena Bröcker (* 1972) und dem japanischen Künstler Yoshihiro Suda (* 1969) präsentiert die ERES-Stiftung in ihrer neuen Ausstellung zwei Positionen, die sich dem künstlerisch wie naturwissenschaftlich facettenreichen Thema Blüte auf unterschiedliche Weise nähern.

Lena Bröcker begreift das Motiv abstrakt, interessiert sich für die schematische Form von Krokus, Frauenmantel oder Mohn und spürt mit Zirkel und Lineal den Ordnungsprinzipien von Blüten nach. So entstehen auf orange-farbigem, grünem oder blauem Millimeterpapier Bleistift-Zeichnungen von außerordentlicher Zartheit, die auf faszinierende Weise geometrische Strenge mit frischer poetischer Ausdruckskraft vereinen. Das erstaunt umso mehr, als das traditionelle Sujet emotional ausgereizt scheint und die methodische Anlehnung an botanische Vermessung und Blütendiagrammen zunächst eher nüchternen Ausdruck vermuten lässt. Doch genau das Gegenteil ist der Fall: Gerade die formale Verwandtschaft mit geometrischen Konstruktionszeichnungen, die sich auf Linien, Radien, Kreise, Winkel und Spiralen stützen, liefert das minimalistische Gerüst, auf dem sich künstlerische Freiheiten umso wirkungsvoller entfalten können.

Speziell für die Ausstellung in der ERES-Stiftung hat Lena Bröcker eine Wandarbeit entwickelt, die exemplarisch an 18 Blüten den Blütenzyklus im Jahresverlauf zeigen soll. Diesen subjektiv wahrgenommenen Rhythmus wird sie in Form einer logarithmischen Spirale anordnen, einem seit Jahrhunderten viel diskutierten mathematischen Prinzip, das überall in der Natur vorkommt und als besonders harmonisch empfunden wird.

Die mit größter handwerklicher Präzision ausgeführten Blütenskulpturen des in Tokio lebenden Künstlers Yoshihiro Suda treten auf den ersten Blick gar nicht in Erscheinung. In ihrer Detailgenauigkeit und maßstabsgetreuen Umsetzung sehen sie natürlich gewachsenen Pflanzen so täuschend ähnlich, dass man sie leicht übersehen könnte. Ganz beiläufig werden sie im Raum platziert. Zwar ist es Yoshihiro Sudas erklärtes Ziel, mit jeder Arbeit der Natur noch ein Stück näher zu kommen, doch sein Hauptaugenmerk liegt auf der Erforschung der Umgebung, in die er seine Blüten und Blätter platziert.

Dabei bevorzugt er leere, große Räume, in denen seine verhältnismäßig kleinen Skulpturen dann enorme Kraft entfalten. Nähert sich der Betrachter, entsteht ein überraschender Spannungsbogen zwischen ihm, der Skulptur und dem umgebenden Raum. Denn durch den installativen Eingriff verändert sich auch die Wahrnehmung der Architektur, von Innen und Außen. Der Raum, der fast nichts enthält, eröffnet die Möglichkeit, ihn mit etwas zu füllen, fördert und bereichert die Vorstellungskraft. Das ist wirkt beruhigend und anregend zugleich. Diese Art der Installation zeigt einmal mehr Yoshihiro Sudas tiefe Verankerung in der japanischen Kultur. Auch das traditionelle japanische Teehaus ist fast leer, enthält außer Blumengesteck und Rollbild kaum ablenkende Details. In der Ausstellung treffen zwei Künstler aufeinander, die von sehr unterschiedlichen Kulturkreisen geprägt sind.

Während Yoshihiro Suda ganz vom Gegenständlichen ausgeht, um den kunstvollen Manifestationen der Natur nachzuspüren und die meditative Kraft des leeren Raumes mit einbezieht, basiert Lena Bröckers Ansatz auf Abstraktion. Ihre Beschränkung auf geometrische Formen und der bewusste Verzicht auf eine individuelle Handschrift zeigen gewisse Anklänge an die Minimal Art, die von der Auseinandersetzung mit der Ästhetik des Ostens nicht unerheblich beeinflusst wurde. Beide Positionen lassen sich somit als Ausdruck erfüllter Leere begreifen, die ein vertieftes, unverbrauchtes Naturbild ermöglichen und den Blick schärfen für das, was die Blüte im Innersten zusammenhält.

Lena Bröcker wurde 2009 mit dem Bayerischen Kunstförderpreis des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst ausgezeichnet. Sie war Meisterschülerin von Prof. Nikolaus Gerhart an der Akademie der Bildenden Künste in München, lebt und arbeitet in München. Sie war an Ausstellungen in München, Wien und Belgien beteiligt.

Yoshihiro Suda lebt und arbeitet in Tokio. Seine Blüten-Installationen waren in den letzten Jahren im Kunstmuseum Wolfsburg, Städel Museum Frankfurt, Lenbachhaus München, Fondation Beyerle, Basel, Louisiana Museum, Kopenhagen zu sehen. Permanente Installationen befinden sich im Neuen Museum Nürnberg und im Art House Project „Gokaisho“ in Naoshima, Japan.

Bild: o.T. (Schachtelhalm), © Fotografie von Stephan Winkler

Eröffnung: Mittwoch, 5. Mai 2010, 19 Uhr Diplombiologin Barbara Zach gibt einen Überblick über Blütendiagramme in der Botanik Vortrag: Dienstag, 6. Juli 2010, 20 Uhr Professor Dr. Christina Birkenhake, Universität Erlangen-Nürnberg spricht über „Symmetrien in Natur, Kunst und Mathematik"

Quelle: ERES-Stiftung Römerstr. 15 D–80801 München

Weiterführende Informationen: http://www.eres-stiftung.de

Verkehrsanbindung: Tram 27 und 12 Kurfürstenplatz, U-Bahn (U3/U6) Giselastraße, (U2) Hohenzollernplatz, Bus 53 Friedrichstraße