Vernissage - das Ritual!

Bild von d´Or ange

VernissageEröffnung einer Kunstausstellung.Unter dem Begriff Vernissage versteht man die feierliche Eröffnung einer Kunstausstellung, die zum überwiegenden Teil nach folgenden Ritualien ablaufen:

Ritual der Begrüßung
Meine sehr geehrte Frau Prof. Dr. Schmidt – Schnatterwer, sehr verehrter, lieber Herr Dr. Schmidt-Schnatterwer, sehr verehrte Herr Dekan Möller, liebe verehrte Frau Schlönberg, liebe Mitglieder des Kunstrings, meine Damen und Herren und liebe Gäste!
Zur Eröffnung der Ausstellung „Gedanken“ darf ich Sie hier im Foyer der Kunsthalle recht herzlich begrüßen.
Ab heute heißt es nicht, wie zuletzt, die Welt zu Gast bei Freunden, sondern, die Kunstszene zu Gast im Kunsthaus. Es freut mich ganz besonders, dass es sich auch bis hierher herumgesprochen hat, dass dieses Foyer ein guter Platz für die „Bildende Kunst“ ist u.s.w….

Ritual der Retrospektive
In der Bilderfolge „Gedanken“ sind wir eingeladen uns neuen Perspektiven zu öffnen, Altes und Althergebrachtes loszulassen, uns offen machen für Neues und Unerwartetes und unsere Gedanken nicht fest zu halten und zu manifestieren, sondern sie ziehen zu lassen, dem Fluss mitzugeben, der uns trägt und trägt und trägt u.s.w.!

Ritual der Meinungsäußerung
„Fürchterlich, warum sind wir da?“, „ Gar nicht so schlecht“ oder „Ich kann damit nichts anfangen!“, „Sehr interessant, aber...“, „Ja, das finde ich auch“, „Über Geschmack kann man nicht streiten“, „Was soll das?“, "Herrliche Bilderwelten von Frau Schmidt-Schnatterwer (das ist die Frau meines Chefs)!"

Ritual der Kunstbewertung
Die „BINGO-LISTE“ ist eine Checkliste für eine sachbezogene Kunstkritik. Diese Liste wurde zusammengestellt mit den meistgebrauchten Wortkombinationen – sogenannten kunsthistorischen Standartfloskeln - zum Kunstwerk, aus denen die meist geplauderten Begriffe auf Vernissagen zur Anwendung kommen.

Bingo Liste

Anwendung der „BINGO-LISTE“
Kreuzen Sie ein Kästchen an, wenn Sie bei einer Vernissage das betreffende Wort hören.
Bei 4 ausgefüllten Kästchen stehen Sie auf und schreien in die Kunstgemeinde: „BINGO“!
Damit können Sie bei jeder Vernissage als Kunstsachverständiger bestehen. Durch das Ankreuzen der Standartfloskeln (pro und kontra) in der nachfolgenden Bingo- Checkliste werden Sie als sachkundiger Kunstkenner anerkannt.

Ritual der Bewirtung
Bei Wein und Häppchen können Sie sich dann genüsslich dem Künstler widmen oder dem allgemeinen bla bla bla.
Der harte Kern des Kunstfreundeskreises (auch als Abfresser bezeichnet) setzt sich überwiegend mit den Gaumensinnen auseinander.

Vernissage
Zeichnung „Vernissage“ von Béla Faragó

Wie könnte eine frische und belebende Ausstellungseröffnung aussehen?

„Eine ART - Dialog“
Eine besondere Herausforderung an die Kunst ist es in den Dialog einzutreten und mit unterschiedlichen Kunstwerken der Malerei, Objektkunst, Skulpturen und Fotografien das Verständnis der modernen Kunst untereinander zu fördern.
Wichtig ist vor allem, das Bewusstsein der Menschen und Kunstschaffende zu schärfen.
Keine Kunstrichtung, Kunstwerk oder Kunstmeinung sollte einer anderen überlegen sein– nicht der Monolog sondern der Dialog sollte bei jeder Kunstausstellung im Vordergrund stehen.
Die Kunst besitzt sehr gute Voraussetzungen Menschen verschiedener Kulturkreise und Meinungen zusammenzuführen. Eine Vernissage bietet die beste Vorrausetzung: Brücken zwischen den Kulturen zu bauen, unterschiedlicher Meinungen zu den Kunstwerken zu kommunizieren und dazu beitragen, dass Kulturüberheblichkeiten und Missverständnisse überwunden werden.
Voraussetzung hierfür sind durchdachte, künstlerische und lebendige Kultur- und Kunstveranstaltungen in der bildenden Kunst. Erst wenn viele einzelne Betrachter sich gegenseitig mitteilen und mit unterschiedlichen Wahrnehmungen kommunizieren, kann eine Zuordnung der Bewertung und deren Bedeutung der Kunstwerken entstehen.
Das wäre eigentlich der Sinn einer Kunstausstellung, keine historischen Eröffnungsrituale zu veranstalten, sondern eine Inszenierung von Kommunikation und Erlebnis.

Kommentare

Bild von TK plus 07

Doppeldeutigkeit des Begriffs „Vernissage“

Was bedeutet eigentlich Vernissage?

In der althergebrachten Form wurde der letzte Bearbeitungsvorgang an einem Gemälde durch Auftragen einer Lackschicht (Firnis) vollzogen.

Da dieser Überzug mit Firnis der letzte Arbeitsschritt zur Vollendung eines Werkes in der Malerei war und auch heute noch ist, so wurde dieser Vorgang vom Künstler organisiert und in einem kleinen feierlichen Kreis mit Freunden, Galeristen oder Auftraggeber ausgeführt.

Erst mit der Zeit entwickelten sich die voluminösen, wortgewaltigen Veranstaltungen mit Vernissagemusikern. Aus dem letzten Arbeitsschritt des Künstlers wurde ein „Event“, was mit einem feierlichen Rahmen des Firnissens nichts mehr zu tun hat.

Die Doppeldeutigkeit des Begriffs „Vernissage“ offenbart sich oft im Kreise der Persönlichkeiten, selbst gerade vollendet . Ehrenvollen Firnisrednern und Besuchern reicht man Wein statt Firnis. Schmeckt auch besser.

Weißen und Roten – neuerdings für 1 € bis 2 €. Dazwischen irgendwo liegt die lackierte Kunst!

Quelle: Das Wort Vernissage stammt vom französischen le vernis, „der Firnis“- „der Lack“. http://de.wikipedia.org/wiki/Vernissage

Bild von Ikone

Vernissage und Finissage an einem Tag

Alles an einem Tag!
Die Kunst will bei den Menschen sein. Das war die Grundidee des Forgotten Bar Project in Berlin - Kreuzberg. Im Sommer ist dies die schnelllebigste und angesagteste Galerie-Location der Stadt und in Deutschland. Bis Ende August wird hier jeden Tag Vernissage gefeiert - und gleichzeitig Finissage: Denn die Ausstellungen dauern nur einen Abend und das jeden Tag mit wechselnden Künstlern.
Das Programm der Kunst-Bar hat genau die richtige hippe Mischung aus jungen willigen Marktaspiranten und etablierten Betriebsbengeln wie Christoph Schlingensief oder Jonathan Meese. Neukölln ist um die Ecke. Weil die Räume allerdings denkbar ungünstig geschnitten sind (max. 20 qm), ähnelt sich das Bild jeden Abend. Die Kunst ist drinnen und das Publikum steht draußen auf der Straße. Oder wie man feststellen kann, geht es ausschließlich ums Bier (Vernis) trinken.

Weiter Informationen unter :
http://www.welt.de/wams_print/arti2337658/Raus_aus_den_Galerien_rein_ins...

Das nur französisch klingende Wort "Finissage" ist nur im deutschen Sprachraum in Gebrauch. Im französischen Sprachraum ist für den Sachverhalt der Begriff "Décroutage" geläufig.

Bild von Blickwinkel

Vernissage

Uschi Eckbauer
Atelier Blickwinkel
Theaterstraße 22, Fürth
Mobil: 01728507155

Voll ertappt, wir sind derzeit an der Planung unserer Gemeinschaftsausstellung und siehe da, es hat nix mit dem letzten Lack zu tun, doch alles andere trifft zu, und dann auch noch die wahrlich peinliche Überlegung verlangen wir jetzt was für die Getränke, schluck! Da kommt man doch ganz schön ins Grübeln.

Wie könnte denn eine Vernissage besser gemacht werden, bzw. eine neue Form bekommen? Unsere kommende Vernissage läuft auf jeden Fall noch nach Schema F ab, doch die nächste könnte ja anders werden....

Bild von Ikone

Firniscocktail

Liebe Frau Eckbauer, dass wäre doch mal eine zauberhafte Idee bei ihrer Vernissage die ursprüngliche Form einer Ausstellungseröffnung den Besuchern zu präsentieren. Wir sind sicher, dass eine Vielzahl von Besuchern nicht wissen, welche Bedeutung überhaupt der Begriff „Vernissage“ hat.

Firnissen sie ihr Gemälde bei der Ausstellung, erzählen sie dabei die Bedeutung einer Vernissage und reichen den Gästen einen Firniscocktail – (natürlich ein kreatives Getränk der Jahreszeit entsprechend).

Das wird spannend! Der Geruch von frisch aufgetragenem Naturharz in Verbindung mit einem Firniscocktail überrascht viele Besucher auf angenehmste ART– nur Mut!

Wenn Ihnen sonst nichts einfällt können Sie unter der Rubrik: „Erste Hilfe bei der Vernissage“ unter http://www.vernissage-art.de/vernissage-veranstalten.php?PHPSESSID=738db...
nachschauen – schrecklich!

Bild von Blickwinkel

Firniscocktail II

Uschi Eckbauer
Atelier Blickwinkel
Theaterstraße 22, Fürth
Mobil: 01728507155

Ich bedanke mich recht herzlich für diesen wunderbaren Tipp, welchen ich auf jeden Fall beherzigen werde, allerdings wie schon gesagt, diesmal läuft noch alles wie gehabt, doch bei der nächsten Ausstellung wird alles besser. Vielleicht kommen ja auch wirklich noch Anregungen und Ideen von anderen Künstlern /Kunstinteressierten und man könnte aus dem langweiligen Trott ausbrechen und eine ganz neue Form von Vernissagen gestalten.

Herzliche Grüße
Uschi Eckbauer
... und falls Sie nochmal Lust auf eine original althergebrachte Ausstellung haben, dann besuchen Sie uns am 21.06.2008 auf dem Boesner - Geländer Sprottauer Str. 37 in Nürnberg Altenfurt, vielleicht können wir ja tatsächlich vor Ort schon neue Ideen spontan einfliesen lassen, ich würde mich sehr freuen

Mehr Info unter:
www.galerie-blickwinkel.de

Bild von Ikone

"Tritt frisch auf, mach's Maul auf, hör bald auf!"

"Bingo"

Dabei werden noch unglaublich viele Reden gehalten, aber gute Reden sind selten. Jeder Kunstverein redet, anstatt das er zeigt und präsentiert, Ausstellungseröffnungen werden zerredet, unverständliche Reden auf Parteitagen, auf Hochzeiten und Beerdigungen und und und ….

Man kann sie zum größten Teil nicht mehr hören, sie sind unverständlich, langatmig und ohne einen Nutzen für den Zuhörer.

Kunst der Rede - Zitate:

Martin Luther

"Tritt frisch auf, mach's Maul auf, hör bald auf!"

Marcus Tullius Cicero (106-43 v.Chr.)

"Meiner Ansicht nach jedenfalls kann niemand als Redner höchstes Lob verdienen, wenn er nicht Kenntnisse von allem Großen und von allen Künsten und Wissenschaften erlangt hat. Denn eine Rede muss aus Kenntnis der Materie erwachsen und hervorströmen: Wenn nicht ein sachliches Fundament da ist, das der Redner gründlich beherrscht, so bringt er einen leeren und beinahe kindischen Wortschwall hervor (...)"

Unbekannt

"Reden ist Silber, Schweigen ist Gold"

Bild von Urs

Vorschläge für Eröffnungsreden

Sehr geehrte Damen und Herren,
Die Eröffnung einer Ausstellung i, da investiert eine Künstlerin ein K, Werke. Die Phase der Insiration über eine geeignete Präsentation. Und wir Kunstinteressierte nehmen. Ideen und die Inspiration vieler Mo. Und ist es nicht eigentlich au.

oder etwas konservativier:

Rede von Wieland Giebel anlässlich einer offiziellen Ausstellungseröffnung am 10. September 2004:

"Liebe Gäste,
Sie hier bei uns zu haben, ist uns eine ganz große Freude. Das ist ja nicht selbstverständlich, dass man sich in der Woche vormittags freimacht. Ich bin immer wieder überrascht und glücklich, dass wir so wahrgenommen werden.
Das war vor sieben Jahren, als wir anfingen, noch nicht vorauszusehen. ..(..)..
Was erwartet Sie jetzt? Ich rede hier ein paar Minuten und wir sehen uns dabei die Ausstellung an. Dann stelle ich Ihnen die Künstler vor, die die Gemälde an den Pfeilern unten gemalt haben. Und dann gibt es schon Häppchen. ((Wir vermuten, dass in weniger als einer Stunde alles vorbei ist.))"

Wunderbar, hier wird einmal offen der Ablauf von Erwartungen und Voraussicht angesprochen.

Bild von TK plus 07

Die Kunst der Kunstrede

Fundus, Auszug aus einer Rede zur Kunst:
„Die Werke vor Ihnen und die Bilder, die Sie umgeben, sind vielleicht schweigend entstanden. Trotzdem führen sie vielleicht eine Art Sprache: Das Aquarell spricht vielleicht zuerst in Farben zu Ihnen, die Radierung erzählt vielleicht in Bildern – schweigend.
Das eine Bild führt vielleicht die Sprache der Augenwirklichkeit, das andere führt vielleicht eher die Sprache des Traumes; im nächsten Bild verliert sich vielleicht eine Brücke hinauf ins Nachtblau, wo die Königin der Nacht auf grün-blauem Pferd fliegt........-vielleicht!
Sie gehen als Fremder unangesprochen an den Bildern vorüber oder Sie gehen vielleicht als Mensch, der die Sprache meiner Bilder zu verstehen beginnt, einen Weg, der Sie vielleicht auf geheimnisvolle Art zugleich ins Dargestellte, Gestaltete vor Ihnen und in Ihre eigenen Bilder führt....“
- vielleicht -

Bild von chrimafee

Soziale Komponente: Kunstausstellung

Wie wichtig ist denn Kunst, dass sie sich als den Nabel der Welt darstellen sollte und auch so "bekratzfußt" werden sollte? - Ist sie nicht vielmehr Mittel zum sozialen Zweck, wie jede andere Sprache, jedes andere soziale Ausdrucksmittel auch?

Die Menschen, die eine Ausstellung organisieren, verfolgen ebenfalls einen eigenen Zweck, der mit Künstler, Kunst und Besuchern verknüpft sein wird. Der Zweck - der Sinn der Ausstellung - kann ganz unterschiedlich sein und durchaus in seiner Ausformung sehr differenziert angegangen werden. Die Ausstellungsmacher haben eine Sicht auf ein komplexes System aus künstlerischen Inhalten, Techniken, Darstellungen, Präsentationen und vor allem auch auf noch komplexere menschliche und gesellschaftliche Bezugssyteme. Jeder Ausstellungsbesucher bringt nämlich seine ureigensten Sichtweisen, Interessen, Bedürfnisse, Erwartungen und Ansichten mit und trägt die Erfahrungen eines komplizierten Gesellschaftrahmens mit sich. Das ist alles - es lebe die Freiheit - gut so.

Die Vielschichtigkeit von Bedürfnissen, Erwartungen, Aussagen, Verknüpfungen zu zeitlichen, menschlichen, lokalen und kausalen Bezügen wieder zu einer Einführung zu bündeln, die von den meisten Besuchern verstanden werden kann, ist garantiert kein einfaches Unterfangen. Die Leistung (wie gut auch immer) ist meines Erachtens ernst zu nehmen und durch duldsames Zuhören zu honorieren! Eigentlich dauert das klassische Einführungsritual nicht wirklich lange. Die Häppchen und der Sekt danach sind als Belohnung dann ja auch gratis.

Ich meine, da der Zweck bekanntlich die Mittel heiligt, darf ein Künstler sich gerne in diese soziale Gemeinschaft der "schmausenden" und allgmein "schnatternden" Ausstellungsbesucher einfügen. Mit seiner eigenen Zweck- und Bedarfsorientierung - vielleicht ein Kunstgespräch? - einbringen, anstatt seiner potenzielle Kundschaft die Erwartung von "Ach, habt mich und meine Kunst doch alle lieb!" zu signalisieren.

Eine Vernissage ist und bleibt eine soziale Veranstaltung, an der alle irgendwie auf ihre Bedürfniskosten kommen sollten. Was hindert also Besucher daran - nach Abstimmung mit den Protokollanten und Hausherren -, oben benanntes "Bingo" als Kunstevent zu gestalten?
Für Künstler und die Kunst gilt bei Vernissagen - wie für alle anderen auch (z.B. Kunstkauf) - die soziale Komponente : "You only get, what you ask for!"