Wer ist Künstler? - Schlussbericht der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ , Dez. 2007

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In dem folgenden Beitrag, der auszugsweise und direkt der Veröffentlichung der Enquetekommission entnommen ist, setzt sich das Sachverständige Mitglied Heinz Rudolf Kunze mit der Frage nach Künstlerbildern im historischen Wandel, Künstlerautonomie und Künstlerhabitus auseinander. Da Kunze aktiver Künstler und die Stimme der Kreativen in der Enquete-Kommission des Bundestages gewesen ist, hatten die Mitglieder entschieden, in den Schlussbericht einen Beitrag von ihm direkt aufzunehmen.

Hier also die Stimme der Kunst von Heinz Rudolf Kunze:

„Wer ist Künstler? Keine Ahnung. Ich bin einer. Das,
glaube ich, weiß ich. Alles andere ist mir, wenn man
meine Ehrlichkeit auf die Goldwaage legt, wurscht. Hoffentlich
gibt es möglichst wenige andere, die mein Licht
mindern. So denkt man als Künstler. Kunst zu machen,
Künstler zu sein, ist der reine Wahnsinn, und das ist kein
flacher Kaugummispruch. Wer so etwas tut, dieser Sache
sein Leben widmet, kann nicht normal sein. Künstler sind
die radikalsten Egoisten, die es gibt. Ausgerüstet mit der
unschuldigen Brutalität von Kindern. Und dieser Egoismus
als Triebkraft für das Werk färbt auf Leben und Verhalten
ab. Es geht nicht anders. Künstler haben keine
andere Chance. Paul Valery schrieb dazu in den „Windstrichen“
über diese autistische Spezies: „Keinen von ihnen
kann ich mir einzeln vorstellen; und dabei hat sich
doch jeder verzehrt, damit keiner neben ihm bestehe. Sie
haben sich aus Momenten ihres Lebens aufgebaut, die
jede andere Art zu denken, zu sehen oder zu schreiben
ausgeschlossen hätten.“
Niemand noch so Wohlmeinender wird das je verstehen,
der nicht selber Künstler ist. Wir leben davon, daß ihr es
nicht versteht. Auch wenn ihr es glaubt. Uns ist, nicht nur
in letzter Kleistscher Konsequenz, nicht zu helfen. Aber
gut, es muss ja nicht immer konsequent zugehen. Nicht jedesmal,
wenn wir uns vor euch verbeugen, lügen wir.
Wenn Künstler einander bei größeren Zusammenrottungen
umarmen, ist die Heuchelei in dieser Geste ungleich
größer als bei jeder anderen Berufsgruppe. Künstler halten
sich selber für absolut unentbehrlich und die anderen
für letzten Endes vollkommen überflüssig. Freilich wissen
sie in ihrem tiefsten Innern, dass das nicht wahr ist. Aber
Künstler haben gelernt, mit ihrem tiefsten Innern äußerst
kalkulierend umzugehen. Künstler hassen Künstler mit einer
Intensität, die weit über Rivalität hinausgeht. Wahre
Freundschaft zwischen Künstlern ist weitaus unmöglicher
als zwischen Männern und Frauen.
Künstler, sagt Karl Kraus, haben das Recht, bescheiden,
und die Pflicht, eitel zu sein. Also traue ich mich ohne falsche
Bescheidenheit an die Frage heran, was es mit dem
Künstlertum auf sich hat. Und ich will mich keineswegs
vor einer Antwort drücken, wenn ich Leute zitiere, die
sich vor mir den Kopf darüber zerbrochen haben. Laut
Thomas Mann sind beispielsweise Schriftsteller Menschen,
die Schwierigkeiten mit dem Schreiben haben.
Deswegen stört mich auch nicht im geringsten die Vorläufigkeit
eines Anlaufes meinerseits wie: Künstler sind allergisch
gegen die voreilige Geläufigkeit beim Ausüben ihrer
von wem oder was auch immer ihnen aufgegebenen
Pflicht und Neigung.
Zu Zeiten eines Karl Kraus war das Subversivste,
Guerilla-Ähnlichste was ein Künstler tun konnte, sein äußeres
Verhalten und Erscheinungsbild dem „Durchschnitt“
anzupassen, perfekt getarnt sein Anderssein zu
leben. Im Zeitalter der in Talkshows zur Schau gestellten
Geschlechtsteil-Piercings einer hyperindividualistischen
Gesellschaft aus lauter Nichtsen ist uns diese Möglichkeit
„falscher Bescheidenheit“ nun auch noch genommen.
Also muß sich der Künstler noch tiefer verstellen, denn
trotz alledem gilt immer noch und mehr denn je der
Kraus-Satz: „Die wahre Boheme macht den Philistern
nicht mehr das Zugeständnis, sie zu ärgern.“ Allenthalben
herrscht das Pöbelphilistertum – also loben wir es
zutode! Harald Schmidt ist der wahre ästhetische Bin
Laden. Ob er Guy Debord und die Situationisten gelesen
6 Vgl. Göschel (1997). hat, weiß ich nicht. Aber er vollstreckt sie.

Künstler: ein naturgemäß geheimnisvoller Begriff. Aber
die Versuche, ihn einzukreisen, reißen nicht ab. Was Heiner
Müller dazu zu sagen hatte? Brecht, durch Becketts
Teilchenbeschleuniger gejagt. Rainald Goetz? Schlingensief?
Den Mund ziemlich voll genommen, Gewölle hochgewürgt,
der Rest Techno-Gefasel. Peter Handke, ja sicher,
mit Anknüpfungen von Thukydides bis Walker Percy.
Botho Strauß, unbedingt. Nicht obwohl, sondern weil er
der Erbe Ernst Jüngers ist. Aber „weiter“ gekommen als,
sagen wir mal: Friedrich Schiller? Naturgemäß keiner.
Endgültige Antworten: unmöglich. Aber warum sollte das
entmutigen, warum sollte man in dieser Frage Verbindlicheres
erwarten dürfen als in der Philosophie oder anderen
Wissenschaften? Das, was Wassily Kandinsky als
„Kunst“ zu umschreiben versuchte, läßt sich sinngemäß,
ja nahezu wörtlich auf den Begriff des Künstlers anwenden
(Eine gewisse Nähe zu Sisyphus oder Don Quixote ist
solcherart Bestreben nicht ganz abzusprechen. Aber was
solls? Sisyphus, hat uns Camus gelehrt, müssen wir uns
als einen glücklichen Menschen vorstellen. Und einen
Botho Strauß könnte man aus einiger Entfernung durchaus
für einen Don Quixote des Windräderzeitalters halten
...): „Die Kunst besteht nicht aus neuen Entdeckungen,
die die alten Wahrheiten streichen und zu Verirrungen
stempeln (wie es scheinbar in der Wissenschaft ist).
Ihre Entwicklung besteht aus plötzlichem Aufleuchten,
das dem Blitz ähnlich ist ... dieses Aufleuchten zeigt ...
neue Perspektiven, neue Wahrheiten, die im Grunde
nichts anderes sind, als die organische Entwicklung, das
organische Weiterwachsen der früheren Weisheit.“
Künstler, folgt für mich daraus, ist jemand, der sich selbst
in radikal subjektiver Weise gegenüberstehen und darstellen
kann – und dadurch zu Objektivationen menschlichen
Verhaltens, Denkens, Fühlens gelangt, hinter denen
sein eigener biographischer Input als Spielmaterial verschwindet
beziehungsweise in dem es aufgeht. Mitteilungen
von sich machen, um bei etwas anzukommen, was
man weiterhin mit ein wenig Mut das wesenhaft Menschliche
nennen sollte: das ist der Job.
Neueren Bestrebungen, die Begriffe von Kunst und Künstlertum
auf jedes selbstverantwortete Ein- und Ausatmen
anzuwenden und endgültig zu entgrenzen, stehe ich sehr
skeptisch gegenüber. Burkhard Spinnen meint dazu in
„Bewegliche Feiertage“: „Machthaber zum Anfassen,
Musik zum Mitmachen – es gehört nun einmal zu den korrekten
Ritualen der späten Demokratie, eine Auflösung
der Gattungsgrenzen und eine unbedingt Publikumsbeteiligung
beständig als ein moralisches Dogma zu verkünden,
das auf absolut jeden Lebensbereich anzuwenden
sei.“ Ob beispielsweise wirklich jeder Scharlatan, der
sich „DJ“ nennt, die Platten anderer Leute auflegt und
dabei ein bißchen auf ihnen herumkratzt, im geduldigen
Auge der Geschichte seinen derzeitigen (fast muß man
schon wieder sagen: Noch -) Ruf als Avantgardist behalten
wird, erscheint mir doch zweifelhaft. Manchmal hat
mich der Gang der Dinge eines Schlechteren belehrt. Bisweilen
auch nicht. „Nichts“, schreibt Burkhard Spinnen,
„wird so freundlich aufgenommen wie das Empörende,
und keine Haltung ist so konform wie die des kreischenden
Tabubruchs. In dieser totalen Nivellierung droht alles
und jedes seine Darstellungskraft, ja seinen Anspruch auf
Wahrheit zu verlieren.“
Denn das ist er ja, der Dreh- und Angelpunkt künstlerischen
Bemühens: der Anspruch auf Wahrheit beziehungsweise
Wahrhaftigkeit. Der Künstler, der Kitzler von Begierde
und Gewissen, das „Genie“, der einzig wirkliche
Autonome, ist der heilige Narr der bürgerlichen Gesellschaft,
der von dieser ausdifferenzierte Selbstverwirklichungs-
Profi. Als Fachmann des Geheimnisses lebt er
den Gegenentwurf zum normierten Zweckhandeln, umkränzt
vom Heiligenschein der Originalität und Einsamkeit.
In Kants „Kritik der Urteilskraft“ klang das noch einigermaßen
harmonisch-harmlos: Das Genie ist „die
musterhafte Originalität der Naturgabe eines Subjektes
im freien Gebrauch seiner Erkenntnisvermögen“. Zweihundert
Jahre später konstatiert Richard Sennett in New
York allerdings: Das Verhältnis des modernen Künstlers
zur Gesellschaft ist das einer prinzipiell provokativen
Gegnerschaft.“

Wer noch mehr davon möchte: http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/16/070/1607000.pdf
unter: "Die wirtschaftliche und soziale Lage der Künstler"